30 Jahre Kinderrechte

Hunger, Krieg, Vertreibung und alle Varianten von Ausbeutung und Versklavung sind Kinder – und nicht selten zugleich ihre Mütter – zumeist vollkommen schutz- und rechtslos ausgesetzt und unterworfen. Daher macht es viel Sinn sich diesem Thema zu widmen. Auszuzeigen, was sein sollte und was tatsächlich ist. Dazu genügt oft ein kritischer Blick im eigenen Umfeld. Aufklärung, Wissen und Bildung erscheinen vielen als zu stumpfe und zu langwierig wirkende Mittel im Kampf gegen all dies. Wir haben aber keine besseren.

Anlässlich des Jahrestages zur Annahme der UN-Kinderrechtskonvention am 20. November 1989 sei an einen weiteren Jahrestag erinnert, der in diesem Zusammenhang von größter Bedeutung und Tragweite ist: Am 11. Dezember 1849 wurde in Südschweden Ellen Karolina Sophie Key als erstes von sechs Kindern geboren. Sie durchlebte eine liebevolle, wenn auch strenge Erziehung. Sie erhielt zu Hause Privatunterricht und interessierte sich schon als Jugendliche intensiv für Geschichte, Philosophie und Literatur. Aus ihrem schon früh ausgeprägten Freiheits- und Gerechtigkeitssinn entwickelte sich bereits im Jugendalter ein lebhaftes Interesse für politische und gesellschaftliche Fragen. Obwohl Ellen Key erst 20 Jahre alt war, erschienen von ihr bereits erste Artikel in einer renommierten schwedischen Frauenzeitschrift. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, unterrichtete sie zunächst Kinder in dörflichen Sonntagsschulen und unterwies junge Damen in einer Art Volkshochschule. Später nahm sie den Beruf einer Lehrerin an einer privaten Schule in Stockholm auf und unterrichtete dort Mädchen aller Altersstufen. Gleichzeitig war sie als Dozentin für Literatur und Kulturgeschichte am Stockholmer Arbeiterinstitut tätig.

Trotz krisenreicher Jahre Ende des 19. Jahrhunderts verstärkte sich ihr öffentliches Engagement für Frauen- und Kinderrechte. Häufig sprach sie dazu vor Arbeiter- und Frauenvereinen und schuf mit ihren Reden und Publikationen ein erstes weitreichendes und kritisches Bewusstsein dafür. In ihrer frühen Schrift Missbrauchte Frauenkraft, die auch ins Deutsche übersetzt wurde, äußerte sie allerdings Auffassungen über den natürlichen Platz der Frau in der Gesellschaft, der ihr die vorwiegende Ablehnung der damals erstmals öffentlich auftretenden Frauenrechtlerinnen eintrug. Um die Jahrhundertwende gelang ihr schließlich eine epochale Erfolgsschrift, die der deutsche S. Fischer Verlag unter dem Titel Das Jahrhundert des Kindes herausbrachte. Besonders in diesem Werk kommt ihre geistige Auseinandersetzung mit dem Darwinismus und der Philosophie von Friedrich Nietzsche zum Ausdruck. Das Buch befeuerte den öffentlichen Diskurs über die Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen in bisher nicht gekanntem Ausmaß. Es glich einer Initialzündung, deren Auswirkung bis heute anhält. Dass manche ihrer Ansichten und Thesen heutzutage als völlig unhaltbar einzustufen sind und einige davon später auch im Nationalsozialismus wiederkehren, sei hier nicht verschwiegen. Dennoch gab sie frühe und entscheidende Impulse zum Entstehen der Frauenbewegung und an einer am Kind orientierten Pädagogik. Ellen Key starb 77-jährig im von ihr selbst entworfenen Haus. Bis heute erinnern Straßen- und Schulnamen an diese einst so vielgelesene, so häufig zitierte und so kontrovers diskutierte Pädagogin, Wissenschaftlerin und Publizistin.