Texte & Zitate

Glück aus erster Hand

-Christoph Schomberg-

Manchmal könnte man die Wände hochgehen!
Oder runter: Wem im Alltag die Gelegenheit dazu fehlt, kann das Angebot eines professionellen Erlebnis-Anbieters wahrnehmen. „Beim House Running treten Sie direkt an den Abgrund und gehen sogar noch einen Schritt weiter“, heißt es dort. „Der Lohn für alle Mutigen: Eine atemberaubende Erfahrung mit extra lang anhaltendem Kick.“ Das Erlebnis dauert laut Katalog „30 Minuten mit Anmeldung.“
Nun sind 30 Minuten mit Anmeldung schnell vorbei. Wenn irgendwann auch mal der lang anhaltende Kick verflacht ist, muss ein neues Erlebnis her. Das Verlangen nach dem Anschluss-Kick ist nämlich inklusive. Wem es dann zu öde wist, 50 Meter Hauswand an einem Seil hinabzusteigen, der kann aus einer Unzahl an ähnlich gearteten Angeboten auswählen: Schützenpanzer selber fahren, Lamborghini selber fahren oder sich gleich von einer Klippe stürzen und unten erzählen, man fühle sich wie neugeboren. Das Geschäft mi standardisierten Erlebnissen ist heue ein milliardenschwerer Markt. Die Ware ist Glück aus zweiter Hand.
Der Wohlstand hat ganz neue Räume für Unterhaltung und Nervenkitzel geöffnet. Seit 1950 ist die durchschnittliche Arbeitszeit in den westlichen Ländern um ein Viertel gesunken. Das Streben nach unmittelbaren, ja planbaren Glücksgefühlen, ist kennzeichnend für die so genannte Erlebnisgesellschaft.
Der Begriff Erlebnisgesellschaft, wie ihn der deutsche Soziologe Gerhard Schulze bereits Anfang der 90er Jahre geprägt hat, bezeichnet ein Wertemodell, in dem die Frequenz und die Qualität von Erlebnissen zur zentralen Maßeinheit geworden sind. Schlüssel zur Erlebnisgesellschaft ist die fortschreitende Individualisierung. Gleichzeitig haben Gemeinschaftswerde an Bedeutung verloren. An ihre Stelle ist die unentwegte Suche nach individuell angepassten Erlebnissen getreten. Aber was ist eigentlich ein Erlebnis? Wo fängt es an? Wann hört es auf? In der Welt der Erlebnisrestaurants und Erlebnisbäder ist das nicht immer einfach zu differenzieren. Die Antwort darauf kann nur jede® für sich geben. Etwas scherzhaft hat der Sänger Rainhard Fendrich das Angebot „Erlebnisfriseur“ kommentiert: „Beim Friseur will ich nichts erleben.“ An sich zu arbeiten, sich zu entwickeln, sich Zeit nehmen: Das scheint etwas aus der Mode gekommen zu sein. Doch jede(r), der die Erfahrung gemacht hat, etwas Neues zu erlernen, oder ein schon bestehendes Talent auszuprägen, weiß, wie bereichernd es ist, sich lernend zu verwandeln. Und könnte es nicht vielleicht sein, dass es zu den größten Erlebnissen gehört, Wissen und Fertigkeiten zu erwerben, die inklusive Anmeldung einen längeren Kick als 30 Minuten versprechen? Oder Wissen und Erfahrung weiterzugeben und die Begeisterung in einem anderen Menschen zu wecken? In beiden Fällen besteht die Möglichkeit, dass ein kleines Wunder geschieht: Nämlich sich selbst zu entdecken. Das ist und bleibt das größte Erlebnis. Es ist Glück aus erster Hand.

Niccolò Machiavelli: Nichts ist so schwierig wie Neuerungen

Nichts ist so schwierig zu betreiben, so unsicher im Hinblick auf den Erfolg und so gefährlich in der Durchführung als die Vornahme von Neuerungen. Man hat hierbei alle die zum Feinde, für welche die alte Ordnung vorteilhaft ist, und findet nur laue Verteidiger an denen, welchen die neuen Vorteile bringen könnte. Diese Lauheit erklärt sich teils aus der Furcht vor den Gegnern, die die Gesetze auf ihrer Seite haben, teils aus dem Misstrauen der Menschen, die an das Neue nur glauben, wenn es eine lange Erfahrung für sich hat. So kommt es, dass die Feinde, sooft sich ihnen eine Gelegenheit bietet, die neue Ordnung voll Leidenschaft angreifen, während die anderen sie nur lau verteidigen, so dass man samt ihnen in Gefahr gerät. Um in diesem Punkt das Rechte zu finden, muss man unterscheiden, ob man zur Durchführung seines Werkes sich aufs Bitten legen muss oder Zwang anwenden kann. (…) Denn zu dem Gesagten kommt noch hinzu, dass die Menge von Natur wankelmütig ist und man sie wohl leichter von etwas überzeugen, aber nur schwer bei dieser Überzeugung festhalten kann. Niccolò Machiavelli, Der Fürst (Il Principe), geschrieben um 1513, 6. Kapitel (posthum 1532 publiziert).

Zitate

Alle unsere Irrtümer übertragen wir auf unsere Kinder; in denen sie untilgbare Spuren hinterlassen.

Maria Montessori

Die Staatsform der Mutigen – das ist die Demokratie!

Frank-Walter Steinmeier, Deutscher Bundespräsident

Bildung ist das, das die meisten empfangen, viele weitergeben und wenige haben.

Karl Kraus

Wer gebildet ist, der weiß, wo er findet, was er nicht weiß

Georg Simmel

Als gebildet wurden mir immer Leute vorgestellt, die Latein oder Griechisch konnten, in die Oper gingen und Jahreszahlen wussten. Die Vorgänge in einem Kippschalter waren ihnen allerdings ein Mysterium

Helmar Nahr

Für eine gelungene Rede gebrauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge

Arthur Schopenhauer

Der Himmel hat den Menschen als Gegengewicht gegen die Mühseligkeiten des Lebens drei Dinge gegeben: Die Hoffnung, den Schlaf und das Lachen

Immanuel Kant

Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde

Margaret Mead

„Demokratie ist die einzige politisch verfasste Gesellschaftsordnung, die gelernt werden muss – immer wieder, tagtäglich und bis ins hohe Alter hinein. Ich suche nach Antworten auf die Frage, warum Menschen unter bestimmten Bedingungen ihren politischen Verstand verlieren und andere politische Urteilskraft zeigen und praktizieren – unter Umständen sogar unter Einsatz ihres Lebens.“

Oskar Negt